Spitzbart

Wir schreiben heute den 30. März 1955, es ist 9.15 Uhr ein kalter, regnerischer Tag. In der Löwengrube, endete das obligatorische Weißwurstfrühstück. Amtmann Schmid geht in seinem Büro auf und ab, hinter seinem Rücken tuscheln seine Untergebenen: „ Da Chef hod heid wieder a Laune.“ aber Amtmann Schmid kreisen viele Gedanken im Kopf herum.

„Mein Gott, die Wirscht wan a scho a moi besser, de lign einem direkt im Magen.“ 

er geht zum Schrank öffnet sein Geheimfach und holt eine Flasche Obstler heraus,  schenkt sich ein Stamperl ein und auf Ex runter. Mei tut des gut, i g’lab de Wirscht hat da Kollege Zeilinger vom Metzger Strasser mit bracht, a so a Hallodrie, aber in einem anderen Mordfall. Er geht zu seinem Schreibtisch setzt sich auf seinen mit Leder bezogenen Stuhl für gehobene Beamte und wählt die Nummer 08/15. Am anderen Ende der Leitung meldet sich H.Schmitt. 

„Du kim a moi eina, i hob mit dir wos zu besprechen?“ 

Nach fünf Minuten klopft es an die Tür. Herein, ruft Amtmann Schmid, jetzt steht Oberkommissär Schmitt vor seinem Chef und schlägt die Hacken zusammen. Härns auf Schmitt de Zeiten san scho lang vorbei, wos, woid i ena glei no sog’n.

“Ach ja, Hinterkaifeck ist nicht der einzige unaufgeklärte Mehrfachmord, Schmitt.”

Wir haben schon noch andere Leichen im Keller, und macht die Schublade auf und holt eine graue Aktenmappe hervor. Das ist die Akte „Spitzbart“ Schmitt, wie Reingruber werde ich nichts in meinem Tagebuch schreiben. “Das i den Kruzifix nia dawischt hob, Kreizsakra”. Amtmann Schmid ist erregt, bekommt kaum noch Luft, ja 33 Dienstjahre bei der Kriminalpolizei fordern ihren Tribut. Schmitt nehmen sie die Akte, so wie ich sie damals vom Kriminal Schneidhuber bekommen habe. Servus. 

 

Was stand in der Akte “Spitzbart”?

 
Das Geheimnis des Spitzbarts 
 
Vier Frauen verschwanden – Eine ungewöhnliche Kriminalgeschichte.
 
„Passen Sie mir auf den Spitzbärtigen auf“, sagte Amtmann Johann Schmid, bislang Chef der Münchner Mordkommission, zu seinem Amtsnachfolger Hermann Schmitt, als er jetzt nach 33 Dienstjahren bei der Kriminalpolizei in Pension ging. 400 Mörder hat der heute 65jährige Kripobeamte zur Strecke gebracht. Aber den Fall des Spitzbärtigen, an dem sich schon seine Vorgänger die Zähne aus gebissen hatten, konnte auch er nicht klären. Und dabei ist er felsenfest überzeugt, dass dieser unheimliche Greis, der immer noch wie ein Gespenst durch München geistert, ein vierfacher Mörder ist. Die Akten dieses höchst merkwürdigen Kriminalfalles, die Amtmann Schmid jetzt an seinen Nachfolger weiterreichte, gehen bis ins Jahr 1917 zurück.
Damals war in München eine 42 jährige Frau spurlos verschwunden. Ihr Mann wurde unter Mordverdacht verhaftet. Man stellte fest, dass er seine Frau öfters schwer misshandelt hatte und dass er kurz vor ihrem Verschwinden mit einem zugedeckten Handkarren in seinem Heimgarten gefahren war. Das ganze Grundstück wurde fünf Meter tief umgegraben. Aber man fand keine Leiche. Der Mann wurde freigelassen. Es war der Spitzbärtige.
Im Jahre 1932 verschwand in München wieder eine Frau, die 41 jährige Schuhmachers Witwe Maria Moser. „Ich habe einen einflussreichen Herrn kennengelernt“, hatte sie noch ihrer Nachbarin mitgeteilt, „der will mir eine Stellung verschaffen.“ Im Münchener Ausstellungspark wurde sie zum letzten Male in Begleitung eines kleinen, hinkenden Mannes gesehen. Es war wieder der Spitzbärtige. Aber auch diesmal konnte ihm die Polizei nichts nachweisen.
Im Jahre 1943 hatte zum ersten Male der Kriminalbeamte Johann Schmid, der damals schon Chef der Mordkommission war, mit dem Unheimlichen zu tun. Wieder war eine Frau, die Hilfsarbeiterin Julie Wenrich, vermisst gemeldet. Der kleine Mann mit dem Hinkefuß und dem grauen Spitzbart, der damals beim NS- Volksbildungswerk arbeitete, war bei der Frau gut bekannt und hatte ihr öfters Karten für Lichtbildvorträge besorgt. Aber wieder musste nach tagelangem Verhör freigelassen werden. Ein Jahr später verschwand die Kellnerin Margarete Schreier, Schmid stellte fest, dass in der Wirtschaft, in der die Vermisste gearbeitet hatte, der graue Spitzbart Stammgast war. Einmal hatte man beobachtet, wie er der Kellnerin am Abend heimlich folgte. Er hatte dabei sein Gesicht durch einen Wollschal vermummt und sich unter den Mantel einen künstlichen Höcker geschoben. Aber zu einem Mord gehört eben auch eine Leiche. Der Spitzbart blieb wiederum ungeschoren.
Im Mai 1945, wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner, hörten die Gäste in einer Münchner Wirtschaft gellende Schreie vom oberen Stockwerk. Als sie in das Zimmer eindrangen, überraschten sie einen kleinen Mann, der gerade auf eine junge Frau eindrang. Es war der Spitzbärtige. Die Überfallene, die Zeitungsträgerin Maria Wiedmann, sagte aus: „Er hatte mich gebeten, ihm bei einem Experiment mit ultravioletten Strahlen zu helfen. Ich musste mich mit einem kleinem Metallspiegel in der Hand auf einen Stuhl setzen. Er nahm einige Drähte auseinander, deckte mir ein Tuch über den Kopf und löschte das Licht. Plötzlich erhielt ich einen Schlag auf den Hinterkopf.“
Im Jahre 1946 wurde der Spitzbart vom Landgericht München wegen versuchten Mordes zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, aber 
schon nach fünf Jahren wegen guter Führung wieder entlassen. 
Vergeblich hoffte Amtmann Schmid, ihm endlich die Larve vom Gesicht reißen zu können. Vor einigen Monaten versuchte er es noch einmal mit einer Fahndungsmeldung:
Von 1932 bis 1944 verschwanden in München drei Frauen auf rätselhafte Weise.
Niemals mehr wurde von ihnen eine Spur entdeckt. Es darf angenommen werden, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Sachdienliche Mitteilungen erwünscht. 
Aber der kleine Mann mit dem grauen Spitzbart geistert weiter unbehelligt durch München. Er ist heute 77 Jahre alt. Wird er sein Geheimnis mit ins Grab nehmen, das Geheimnis, ein „perfekter Mörder“ gewesen zu sein? Immer wenn ihn der jetzt pensionierte Amtmann Schmid irgendwo in den Straßen trifft, höhnt der unheimliche Greis mit seiner meckrigen Stimme:
„Weisen sie es mir doch nach.“
 

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