Wie es wirklich war

Alte Aufze­ich­nun­gen lassen einem unter Umstän­den den Atem stock­en. Zu erken­nen, dass die eige­nen Vor­fahren fähig zu Raub, Mord und Totschlag waren, erschreckt im ersten Moment. Aber dann obsiegte die Neugi­er und mein eigenes Schreib­tal­ent und deswe­gen wird es hier inner­halb des näch­sten Jahres die wahre Geschichte als Fort­set­zungsro­man geben. Und so wer­den alle zum 100. Todestag der Hin­terkaifeck­er die wahre Geschichte ken­nen. 
 
20191227

 

 

Ende März des Jahres 1922 irgendwo südlich des Donaumooses.

Es war zwanzig Minuten vor sieben Uhr mor­gens, draußen war alles ruhig. Die müde Win­ter­son­ne war noch nicht zu sehen, aber der Him­mel im Osten verkün­dete schon ihren baldigen Auftritt. Ganz langsam musste die Dunkel­heit weichen, sie musste Platz machen für einen Sil­ber­streif am Hor­i­zont, der die Land­schaft langsam aus den Schat­ten der Nacht holte. Der Win­ter war noch nicht zu Ende gegan­gen. In der Nacht hat­te sich wieder eine dünne Schneedecke über die Felder gelegt. Jet­zt aber war die Luft klar und klir­rend kalt. Der helle Schnee machte das nor­maler­weise im Mor­gen­grauen Unsicht­bare sicht­bar, Rotwild lief über die Äck­er in Rich­tung Hex­en­holz, dessen dun­kle Sil­hou­ette sich deut­lich gegen den Schnee abze­ich­nete und am oberen Rand san­ft in Zwielicht des Him­mels ver­schwamm. Schade, dass ger­ade Schon­frist war, son­st hätte sich dieser Mor­gen gut zur Jagd geeignet.
Andreas Gru­ber stand an der Stalltüre und star­rte regungs­los in eben diese Nacht. Hin­ter ihm hörte er das gle­ich­mäßige mal­men der Kühe, die genüsslich ihr Heu ver­schlangen. Sie waren gemis­tet und gemolken, leise klir­rten die Ket­ten, an denen sie im Stall fix­iert waren, hin und wieder hörte man ein lautes Schnauben. Alles schien friedlich. Aber im Kopf von Andreas Gru­ber arbeit­ete es fieber­haft. Wie sollte er aus dieser Sit­u­a­tion her­auskom­men? Auf dem Heubo­den oben warteten zwei Men­schen auf eine Lösung, aber es gab keine schnelle Lösung. Es musste ihm etwas ein­fall­en, er muss seine Fam­i­lie informieren. Das würde wieder ein Gezeter mit der Tochter geben. Dabei war sie an der Sit­u­a­tion schuld, sie hat­te die Geldüber­gabe ver­mas­selt und ihn dadurch erpress­bar gemacht. Dabei hat­te er sich so sich­er gefühlt, alles schien wun­der­bar zu laufen und dann lässt sich seine Tochter, das dumme Weib­stück, das Geld vom Pfar­rer abnehmen und es erre­ichte die eigentlichen Empfänger nicht. Vik­to­ria, seine Tochter, nahm das Goldgeld und ver­steck­te es in der Kirche im Beicht­stuhl. Sie war die erste Sopranistin im Kirchen­chor und wurde daher ein­mal in der Woche alleine ohne die anderen Sän­gerin­nen und Sänger von dem Organ­is­ten unter­richtet. Das waren ide­ale Voraus­set­zun­gen, sie war immer ein paar Minuten vor ihm da und hat­te dann Zeit, das Geld unbe­merkt im Beicht­stuhl zu ver­steck­en. Der Geld­bote kam dann und holten es in einem eben­so unbe­merk­ten Moment ab und brachte es den eigentlichen Empfängern. Natür­lich blieb da ein nicht erkleck­lich­er Batzen Geld beim Gru­ber hän­gen, Geschäfte vor­bei an Geset­zen und der Jus­tiz waren nun mal nicht ganz unge­fährlich und auch nicht bil­lig. Jet­zt aber, vor zwei Wochen, ist etwas schiefge­laufen. Vik­to­ria hat­te 700 Gold­mark im Beicht­stuhl zum vere­in­barten Zeit­punkt deponiert. Aber wie es der Teufel so will, — oder war es gar Gottes Wille, der Beicht­stuhl ste­ht schließlich in einem Gotte­shaus — fiel das Geld dem Pfar­rer in die Hände. Wahrschein­lich hat es die vor­witzige Mes­ner­in gefun­den und gle­ich dem Pfar­rer gebracht. Sie wird es auch gewe­sen sein, die dem Pfar­rer gesteckt hat, dass Vik­to­ria eben vorher in der Kirche gewe­sen sein musste, denn sie sper­rte ja immer die Kirche auf und zu. Und der Herr Pfar­rer hat­te nichts Besseres zu tun, als Cil­li, seine, Andreas Gru­bers Enkel­tochter, darauf anzus­prechen, dass die Mama mal mit ihm reden müsste. Also musste sich Vik­to­ria auf den Weg zum Pfar­rer machen. Sie hat es hin­ter­her daheim genau erzählt, daher kon­nte sich Andreas Gru­ber sehr gut vorstellen, wie es war. Erst bat sie der Pfar­rer in sein Büro. Es war karg ein­gerichtet, die Wände waren gekalkt, auf den blanken Holzdie­len des Fuß­bo­dens kon­nte man genau sehen, wo viel gelaufen wurde und wo die Sitzmöglichkeit­en waren. Der Boden war an diesen Stellen durch die Schuh­solen so fein geschlif­f­en wor­den, dass er glänzte und glatt wie ein Kinder­popo war. Vik­to­ria set­zte sich auf einen der bei­den Stühlen vor den Holzschreibtisch, hin­ter den sich Pfar­rer Haas set­zte. Auf dem Schreibtisch stand nur ein Tin­ten­fass, ein Tin­ten­lösch­er und in ein­er Schale aus grünem Onyx lag eine Schreibfed­er und ein Brieföffn­er. Davor lag eine led­erne Schrei­bun­ter­lage in dunkel­grün, die schon deut­liche Abnutzungsspuren aufwies. Man sah, dass ein Recht­shän­der hier schon viel geschrieben hat­te Pfar­rer Haas legte seine gefal­tete Hände auf die Schrei­bun­ter­lage und blick­te Vik­to­ria durch seine Nick­el­brille stumm und ein­dringlich an. Vik­to­ria erwiderte seinen Blick, hat­te aber nicht vor, als erste zu sprechen. Als Pfar­rer Haas sie weit­er nur schweigend ansah, schaute sie sich im Büro um. Sie wollte partout ihren Blick nicht vor ihm senken. Sie war eine schöne, großgewach­sene Frau. Die bei­den Schwanger­schaften hat­ten kaum Spuren an ihrem Kör­p­er hin­ter­lassen, im Gegen­teil, ihre For­men sind weib­lich­er gewor­den. Wegen der schw­eren Arbeit war sie gut durch­trainiert. Ihre blauen Augen waren ein pos­i­tiv­er Kon­trast zu ihren brünet­ten Haaren, die sie sich als Zopf geflocht­en um den Kopf gelegt hat. Darauf war noch eine Haube mit Haark­lam­mern befes­tigt. Sie trug zwar ihr Werk­tags Gewand, aber den guten wol­lenen Umhang und die war­men Stiefel, die sie son­st Son­ntags in die Kirche anzog. Hin­ter Pfar­rer Haas hing ein Ölgemälde, eine Marien­darstel­lung. Maria, in ein weißes Kleid und einen blauen Umhang gehüllt, stand auf ein­er blauen Kugel, zu ihren Füßen kringelte sich eine Schlange und in ihrer linken Hand hielt sie einen Lilien­zweig. Marias Kopf war umhüllt von ein­er sil­bern glänzen­den Aura und von links oben brach eine weiße Taube durch die Wolk­endecke. Es war die Darstel­lung der jungfräulichen Empfäng­nis von Maria, aber das wusste Vik­to­ria nicht. Rechts und links davon waren hohe Büch­er­schränke, vollgestopft mit Büch­ern und Papieren. Das Durcheinan­der in den Schränken war ein erschreck­ender Kon­trast zu dem asketisch wirk­en­dem Schreibtisch. Rechts von Vik­to­ria war in der Ecke der Her­rgottswinkel und darunter ein klein­er Altar. Rechts davon wiederum stand noch ein riesiger Büch­er­schrank an der Wand. Diesem Büch­er­schrank gegenüber waren zwei qua­dratis­che weiß lack­ierte Sprossen­fen­ster in der Wand. Was hin­ter ihr war, kon­nte sie jet­zt nicht genau sehen, aber sie meinte, auch dort einen Büch­er­schrank beim Hereinkom­men aus­gemacht zu haben. Es roch hier muf­fig nach Staub und Schweiß, sie war sich aber nicht sich­er, ob der Schweißgeruch von ihr oder vom Pfar­rer stammte. Nun endlich wen­dete sie den Blick wieder Pfar­rer Haas zu, der nun zu sprechen begann. Er kon­fron­tierte sie damit, dass er 700 Gold­mark im Beicht­stuhl gefun­den habe und er wäre sich sich­er, dass das Geld nur von ihr stam­men könne, sie sei ja schließlich die Bäuerin auf Hin­terkaifeck. Er set­zte ihr zu, sie solle sofort sagen, für wen das Geld wäre und warum sie so viel Geld da ver­steckt hätte. Und sie müsse beicht­en, wenn sie unrechte Sachen machen würde. Er würde alles der Polizei melden, wenn sie es nicht schlüs­sig erk­lären kon­nte. Sie kön­nte aber natür­lich auch das viele Geld der Mis­sion spenden, dann käme es einem guten Zweck zu Gute und das würde der Her­rgott ihr sicher­lich anrech­nen. Nun ja, es kam, wie es abzuse­hen war, Vik­to­ria über­ließ dem Pfar­rer das Geld und sagte, es wäre für die Mis­sion. Andreas Gru­ber ist fast froh, dass die Sache so glimpflich aus­ging, denn hätte der Pfar­rer tat­säch­lich die Polizei informiert, hät­ten die sicher­lich nur unan­genehme Fra­gen gestellt und in Din­gen herumgestochert, in denen die Polizei nach Andreas Gru­bers Mei­n­ung bess­er nicht herum­stocherte. Wie auch immer, das Geld hat­te die Empfänger nicht erre­icht und die sind jet­zt unge­hal­ten und sauer, mit Recht sauer und sie ver­trauen ihm nicht mehr uneingeschränkt. Das ist das aller schlimm­ste, denn wenn das Ver­trauen weg ist, wird er bald nicht mehr an den lukra­tiv­en Geschäften par­tizip­ieren kön­nen. Also musste er sich jet­zt unbe­d­ingt bewähren. Er seufzte, blick­te noch ein­mal in Rich­tung Hex­en­holz und wollte sich ger­ade wieder zum Stall wen­den, als er plöt­zlich inne hielt und mit schreck­geweit­eten Augen auf den Ack­er vor sich sah. Sein Herz begann wild zu klopfen, es klopfte bis zum Hals, er dachte, es müsste gle­ich zer­sprin­gen. Ein Herz­in­farkt, so dachte er, wäre auch eine Lösung, dann müsste er sich nicht mehr mit den an allen Enden und Eck­en zusam­men­fal­l­en­den Karten des von ihm müh­sam errichteten Karten­haus­es herum­schla­gen. Jet­zt, in der zunehmenden Hel­ligkeit des Mor­gen­grauens, sah er, was der Schnee let­zte Nacht angerichtet hat­te. Im Schnee war deut­lich sicht­bar, dass sich zwei Men­schen vom Hex­en­holz zum Hof bewegt hat­ten. Es sah nicht so aus, als würde der Him­mel eine weit­ere Schicht Schnee als Män­telchen des Ver­steck­ens darüber bere­it­en, aber auch die Sonne hat­te mit Sicher­heit nicht genug Kraft, um den Schnee schnell genug zu schmelzen, so dass seine neugieri­gen Nach­barn diese Spur nach­her nicht deut­lich sehen wür­den.

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